Tatort Vorurteil – Wenn man nichts richtig machen kann

Am gestrigen Sonntag sendete die ARD den zweiten Teil der Tatort-Doppelfolge mit Kommissar Nick Tschiller aus Hamburg. Bereits Neujahr konnte man Til Schweiger und Helene Fischer in einem sehr actionreichen Thriller sehen. Schon weit im Voraus war dieser Tatort in aller Munde, da die ursprünglich geplante Ausstrahlung nach den Attentaten von Paris verschoben wurde. Warum die ARD so handelte ist eines der Mysterien, welches sich mir nach der Doppelfolge nicht erschließt.

Nichtmal mit viel Phantasie wäre es mir in den Sinn gekommen, dass die Handlung in irgendeiner Weise an die Attentate erinnert. Kein Attentat in der Öffentlichkeit, kein Islam, nichts dergleichen. Dafür aber eine Helene Fischer als skrupellose Killern. Und obwohl ich absolut kein Fan von ihr bin, sondern sie für gewöhnlich eher unerträglich finde, muss ich zugeben, dass ihre schauspielerische Leistung tatsächlich sehr gut war und sie absolut glaubwürdig rüber kam. Einzig der Beginn des zweiten Teils, eine Geiselnahme während der Ausstrahlung der Tagesschau, „könnte Menschen verunsichern“. Aber selbst da ruderten NDR und ARD vorsorglich zurück, war die erste Szene doch ursprünglich vor dem bekannten Tatort-Vorspann zum Ende der „echten“ Tagesschau geplant. Aus Sicherheitsdenken war dann aber alles wie gewohnt. Wie gewohnt waren leider auch die Kritiken der Tschiller-Tatorte.

Kritiken sollten objektiv sein. Natürlich fließen immer eine persönliche Vorliebe oder auch Abneigung in eine Kritik mit ein, aber bei den Hamburg Tatorten hat man leider das Gefühl, dass es völlig egal gewesen wäre, was Schweiger abliefert, es wäre so oder so kein gutes Haar an ihm geblieben. Zugegeben, die Nick Tschiller Tatorte sind keine klassischen Tatorte. Zu viel Action, zu viele Schießereien, zu viel Alleingang und zu wenig braver Kommissar. Der alteingesessene Tatort-Zuschauer will Ermittlungen verfolgen, nicht durch einen actionreichen Thriller unterhalten werden.

Betrachtet man doch einfach mal den Film als solches. Der Zuschauer bekam zweimal neunzig Minuten Höchstspannung. Viele Wendungen, wenig Vorhersehbares, eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Kritisiert wurde häufig auch Unglaubwürdigkeit. Vor allem das kann ich persönlich absolut nicht nachvollziehen. Die Handlungen und Entscheidungen waren jederzeit nachvollziehbar, aber eben nur wenig brav und untergeordnet, wie es der regelmäßige Zuschauer gewohnt ist. Ich fand beide Tatorte großartig, selten saß ich bei einer deutschen Produktion so gefesselt vor dem Fernseher.

Zum Abschluss noch ein Rückblick auf den letzen Tatort vor Hamburg. Dieser wurde gut bewertet, teils als einer der besten Tatorte aller Zeiten gelobt. Dies ist für mich völlig unverständlich. Über alle Maßen konstruiert und unglaubwürdig, verwirrend und ohne wirkliche Aufklärung ließ dieser Tatort die Zuschauer unzufrieden zurück. Aber die Teams dieser Folge sind generell beliebt. Gerade diese absolut unverständlichen Gegensätze der Bewertung zeigen für mich, dass es scheinbar völlig egal ist, was abgeliefert wird, denn unterm Strich zählt wohl nur, wer abliefert. Ein Til Schweiger kann nichts richtig machen, und so einige andere wohl nichts falsch. Vielleicht fühlten sich die Kritiker auch einfach auf den Schlips getreten, da es vom zweiten Teil der Hamburg-Doppelfolge keine Vorausstrahlung für Kritiker und Presse gab. Der Inhalt blieb bis zur Ausstrahlung unter Verschluss, wohl auch wegen des ursprünglichen Tagesschau-Geiselnahmen-Plans. Professionell wäre eine Beeinflussung auf Grund persönlicher Befindlichkeiten allerdings nicht.

Was sich Til Schweiger allerdings besser gespart hätte, ist das Nachtreten auf seiner Facebook-Seite. Verstehen kann man den Unmut zwar, dass die Ausstrahlung erst völlig unverständlich verschoben und dann so zerrissen wurde, aber geschickt in Anbetracht kommender Tatort-Folgen war es sicher nicht. Eigenlob hat noch niemandem gut getan, ebenso traurig ist es allerdings auch, wenn man dazu greifen muss, weil sonst keiner eine gute Leistung honoriert.

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