Wenn Medien Stimmung machen – Köln in der Silvesternacht

Eigentlich hatte ich vor, mich nicht zu den Vorkommnissen in der Silvesternacht in Köln (und in Stuttgart und Hamburg) zu äußern. Nicht, weil es mir egal wäre, sondern viel mehr, weil ich zu wenig Wissen zu den Vorfällen habe. Daher geht es mir in diesem Artikel auch nicht um die Vorfälle der massenhaften sexuellen Belästigungen am Kölner Hauptbahnhof als solche, sondern um den Umgang der Medien mit diesen.

Eigentlich sollte jeder deutsche Journalist mit dem deutschen Pressekodex vertraut sein. Der Pressekodex enthält Maßstäbe hinsichtlich der Berichterstattung und des journalistischen Verhaltens. Durch ihn soll die Wahrung der Berufsethik sichergestellt werden und er dient dem Presserat als Grundlage für die Beurteilung von Beschwerden über journalistische Arbeit. Nach der Berichterstattung über die Vorfälle in Köln müsste der Presserat eigentlich wochenlang mit Arbeit versorgt sein, denn mit dem Pressekodex vereinbar war leider kaum ein Artikel oder Bericht.

Was haben die Medien falsch gemacht? Dazu muss man sich nur einen Punkt des Pressekodex anschauen. In Ziffer 12.1 steht unter dem Oberbegriff Diskriminierung zur Berichterstattung über Straftaten folgendes:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründeter Sachbezug besteht.

Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Was bedeutet das genau? Natürlich gibt es immer einen gewissen Spielraum in der Auslegung von Regeln. Was sich in der deutschen Medienlandschaft zum Teil abspielte, passt nicht mal mit viel Phantasie zu diesen Richtlinien. Vielmehr haben die Medien Vorurteile gegen Minderheiten geschürt, statt wie von ihnen erwartet wird, ebendiese zu unterbinden. Es ist erschütternd, dass Klickzahlen und Auflage scheinbar wichtiger geworden sind als Ethik und Moral.

Besteht bei einer Straftat – wie beispielsweise bei den Anschlägen in Paris – ein eindeutig religiöser Hintergrund und ist dieser belegbar, dürfen und sollen die Medien darüber berichten. In einem solchen Fall ist auch die Nennung der Religion und des ethnischen Hintergrundes der Täter erforderlich, weil ein klarer Sachbezug besteht. Diesen gab es bei den Vorfällen in Köln allerdings nicht. Für den Tathergang der sexuellen Belästigung ist es völlig irrelevant, ob die Täter katholisch, evangelisch, islamistisch oder buddhistisch waren. Ebenso tut es nichts zur Sache, ob die Täter deutsch, afrikanisch, asiatisch, schwedisch oder welcher Herkunft auch immer sind. Sachlich haben Männer Frauen belästigt. Alles weitere tut in diesem Fall nichts zur Sache.

Selbst nachdem die Polizei mehrfach richtig stellte, dass es sich bei den Vorfällen in Köln (und auch bei den gleichen Vorfällen in Hamburg und Stuttgart) nicht um Flüchtlinge handelte, wurde munter weiter in das einmal ertönte Horn geblasen. Hetzer wurden brav gefüttert, es wurde Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht und endlich hatte man auch wieder einen vermeintlichen Beweis, dass die aktuelle Flüchtlingspolitik Deutschland ins Unglück stürze. Dass nichts von alldem wahr ist, wurde und wird billigend in Kauf genommen.

Was sich die Menschen (und ganz besonders Journalisten) dringend hinter die Ohren schreiben sollten, ist die Tatsache, dass man einmal Gesagtes nicht mehr zurück nehmen kann. Und einmal Geschriebenes schon gar nicht. Da nützen auch Richtigstellungen und Gegendarstellungen nichts mehr, der einmal geschürte Hass schwelt weiter. Die wenigen Medien, die sich in diesem Fall korrekt verhalten haben, wurden vielfach als Lügenpresse betitelt. Selbst Menschen in meinem Umfeld, die ich immer für intelligent gehalten habe, lassen sich mehr und mehr aufhetzen. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Bedanken möchte ich mich bei den wenigen Journalisten und Medien, die ihren Job gut gemacht haben. Die berichtet und nicht gerichtet haben. Und allen anderen möchte ich nur eines mit auf den Weg geben: auch Journalisten sind im Großen Ganzen betrachtet eine Minderheit. Denkt mal drüber nach.

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