Wie Edeka die Menschen ertappt – und dadurch eine Nation spaltet

In den letzten Tagen kam wohl niemand umhin, auf den diesjährigen Weihnachtsspot von Edeka aufmerksam gemacht zu werden. Meist wird der Supermarktriese für seine lustigen und auch oft gefühlvollen Werbeclips hoch gelobt. Doch das aktuelle Weihnachtsvideo spaltet eine Nation, beherrscht die sozialen Medien und findet sogar den Weg in die Nachrichten, Fernsehsendungen, in Zeitungen und Magazine. Die einen sind zutiefst gerührt und es kullern die Tränchen, während andere sich lautstark empören und aufregen. Wie ist das möglich?

Zuerst mal eine kurze Zusammenfassung des Spots, falls es tatsächlich noch jemanden gibt, der ihn nicht kennt. Die Hauptperson im Video ist ein alter Mann, der mit seinem Hund vom Einkaufen in eine leere Wohnung kommt. Während er den Anrufbeantworter abhört, auf dem ein Teil seiner Kinder und Enkel den Weihnachtsbesuch absagen, stellt er eine Weihnachtskarte mit Foto zu den unzähligen Familienfotos auf dem Kamin. „Nächstes Jahr klappt es bestimmt!“, verspricht seine Tochter in der Sprachnachricht. Einsam bereitet er sich ein Abendessen und beobachtet währenddessen seinen Nachbarn, wie dieser seine Familie willkommen heißt. Endlos traurig sitzt er anschließend allein und einsam an seiner großen Tafel neben einem festlich geschmückten Weihnachtsbaum. Genau wie im Jahr danach, und danach. Bis hierher sind sich wahrscheinlich alle einig. Der Werbespot ist sehr traurig. Doch nun kommt die Wende, die einen ganzen Teil der Bevölkerung empört und die viele als geschmacklos bezeichnen. Man sieht an den verschiedensten Orten Menschen, die eine offenbar traurige Nachricht bekommen. Dann wird klar, es ist eine Todesanzeige. Sie sind geschockt, trauern und alle packen sofort ihre Sachen zusammen um „nach Hause“ zu fahren. Dort angekommen begegnen sie sich vorm Haus, schließen sich weinend in die Arme und gehen gemeinsam hinein. Dort erwartet sie jedoch eine festlich gedeckte Tafel, ein prachtvoll geschmückter Weihnachtsbaum und ein lebendiger Vater. Er begrüßt sie mit den Worten: „Wie hätte ich euch denn sonst alle zusammen bringen sollen?“ Überglücklich schließen sie ihn alle in die Arme und verbringen ein fröhliches Weihnachtsfest zusammen.

Warum reagieren die Menschen hier jetzt auf so unterschiedliche Art und Weise? Warum finden viele diesen traurigen Werbespot geschmacklos? Und warum finden wiederum andere ihn rührend und beklemmend, aber darüber hinaus völlig in Ordnung? Ich habe da ja meine ganz eigene Vermutung. Die Menschen fühlen sich ertappt. Bloßgestellt. Schuldig. Und genau diese Leute regen sich dann über den Spot auf. Weil er sie an einem wunden Punkt trifft. Weil sie sich angesprochen fühlen. Ist es nicht fast immer so, dass die Menschen sich dann am lautstärksten aufregen, wenn sie sich persönlich angegriffen fühlen?

Edeka beweist bei dem diesjährigen Weihnachtsvideo definitiv Mut. Mut, die Wahrheit zu sagen. Denn es gibt viel zu viele Menschen, die an den Feiertagen allein sind. Und das nicht, weil sie sich bewusst dafür entscheiden oder niemanden haben. Nein, viel zu viele Menschen sind an Weihnachten allein, weil ihrem Umfeld andere oder anderes wichtiger ist. Das Video ist in aller Munde und keiner kommt dieses Jahr wohl daran vorbei, Und das ist auch gut so, denn vielleicht wird einigen dadurch bewusst, dass es für ein „nächstes Jahr dann“ auch sehr schnell zu spät sein kann. Und im wahren Leben hat man dann keine zweite Chance, es besser zu machen.

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